Neemöl – Alleskönner aus Indien ?

Wer sich schon intensiv mit der Heilkunde des Ayurveda beschäftigt hat, ist vermutlich auch dem Neembaum bereits begegnet. Hier gehört der Baum nämlich zu den wichtigsten Heilpflanzen und findet schon seit Jahrtausenden Anwendung in verschiedenen Bereichen. In Europa ist der Neembaum weniger bekannt. Das mag daran liegen, dass er hier kaum zu kultivieren ist und außerdem der Vertrieb von Neemprodukten zum Verzehr verboten ist. Doch aus dem Samen der Früchte lässt sich ein wertvolles Öl gewinnen, das Neemöl. Wie wir es nutzen können, werden Sie hier erfahren.

Ein „Krankheitserleichterer“ aus Indien – der Neembaum

162931662 – fotolia.com – Swapan

Beginnen wir mit einem kurzen Ausflug in Geschichte und Botanik der Pflanze. Der aus Indien stammende Neembaum oder Niembaum wird unter dem botanischen Namen Azadirachta indica geführt und gehört zu den Mahagonigewächsen. Obwohl er mit drei Metern nur einen relativ kurzen Stamm hat, kann er weit mehr als zwanzig Meter groß werden. Seine Wurzeln reichen extrem tief in den Boden, daher verträgt er auch Trockenperioden ganz gut. Er kann ein Alter von 200 Jahren erreichen. Die Blätter des Neembaums ähneln denen unserer heimischen Esche. Die nach Jasmin duftenden weißen Blüten wachsen an langen Rispen. Daraus entstehen gelb-grüne, olivenähnliche Früchte, die schon während der Blütezeit zwischen Januar und April geerntet werden können. Aus ihren Samen wird das Neemöl gewonnen.

Der Neembaum gilt in seiner Heimat als Glückbringer. Bei Hochzeiten und anderen besonderen Anlässen werden deshalb Girlanden aus seinen Zweigen gebunden und aufgehängt. Bei religiösen Zeremonien kommen die Pflanzenteile des Neembaums in Indien und den angrenzenden Ländern noch heute zum Einsatz. Beispielsweise baden viele Hindus am indischen Neujahrsfest in einem Sud aus Neemblättern, um sich seelisch und körperlich zu reinigen. Der Name des Baumes kommt aus dem Sanskrit-Wortstamm „Nimbu“, was „der Krankheitserleichterer“ bedeutet. Das weist ganz stark auf seine Verwendung in der traditionellen Heilkunde hin.

Die lange Tradition des Neem

Im Ayurveda ist Neem ein sehr wichtiges Heilmittel. Je nach Beschwerdebild werden alle Teile des Baums eingesetzt. Von Blutarmut über Diabetes, Entzündungen aller Art, Hautkrankheiten, Hepatitis oder Schilddrüsenerkrankungen bis zu Verhütung, Zahn- und Mundhygiene sowie auch psychischen Problemen reicht das traditionelle Anwendungsspektrum. „Dorfapotheke“ ist deshalb eine treffende Bezeichnung, die in den Heimatregionen des Neem gängig ist. Vor allem das Neemöl fand von jeher Verwendung, und zwar vor allem bei Erkrankungen der Haut (Juckreiz, Nesselsucht, Krätze, Warzen, Wunden, Akne, Falten, Ekzeme, Hauttrockenheit, Fußpilz usw.). Aber auch rheumatische Beschwerden, Hämorrhoiden, Durchfall und Darmentzündungen, Blasen- oder Scheidenentzündungen, Leberschwäche, Atemwegserkrankungen oder Bluthochdruck zählen zum breitgefächerten Behandlungsspektrum.

Heute steht eine andere – auch früher schon genutzte – Fähigkeit von Neemöl im Vordergrund: Es wirkt gegen Schädlinge fast aller Art, und zwar bei Pflanzen, Tier und Mensch. Warum das so ist, lässt sich durch seine Inhaltsstoffe erklären.

Was steckt drin in Neemöl?

Vor allem eine Substanz soll Neemöl zu einem optimalen Naturmittel in der Schädlingsbekämpfung machen: der Wirkstoff Azadirachtin. Es gehört zur Gruppe der Limonoide und zählt zu den Terpenen (chemisch korrekt: Tetranotriterpenoide) und gilt als biologisch hoch aktives Insektizid. Die Neemöl-Inhaltsstoffe im Überblick:

  • Azadirachtin
  • Nimbin und Nimbidin
  • 6-Desacetylnimbin
  • NIM-76
  • Quercetin
  • Salaninne

Dabei handelt es sich um Bitterstoffe, Flavonoide und verschiedene Terpene. Es wird angenommen, dass vor allem das Zusammenspiel der Stoffe die Wirkung des Neemöls ausmacht. Selbst ein Öl mit nur relativ geringer Konzentration an Azadirachtin besitzt nämlich noch immer eine starke Wirkung in der Schädlingsbekämpfung. Insgesamt soll Neemöl mehr als 100 verschiedene Inhaltsstoffe haben, da ist sich die Wissenschaft recht sicher. Bekannt sind aber bisher erst 34, und hinreichend erforscht sind lediglich 4 davon.

Die Anwendungsgebiete des Neemöls

Neemöl hat desinfizierende, wundheilende, antivirale, antimykotische, antioxidative, pflegende Wirkung. Auch die antibakterielle Komponente von Neemöl konnte in Studien bewiesen werden. (1) Vor allem aber hat es eine wachstumshemmende bzw. wachstumsreduzierende Wirkung auf Insekten. Die Inhaltsstoffe unterbinden das Wachstum des Außenskeletts der Tiere, zudem geht die Fortpflanzungsfähigkeit verloren. Larven verlieren außerdem ihre Beweglichkeit, verschiedene Schädlinge ihre Flugfähigkeit. Wegen des bitteren Geschmacks von Neemöl wird der Fraß unterbunden, die Schädlinge verlieren schlicht den Appetit auf die befallenen Pflanzen. So wird die Lebensdauer der Schädlinge stark verkürzt und vor allem kann keine nächste Generation mehr heranwachsen. Deshalb ist das Haupteinsatzgebiet von Neemöl in unseren Breiten die Schädlingsbekämpfung. Das betrifft aber nicht nur die Pflanzenwelt, sondern auch Tiere, die von Parasiten befallen sind und sogar Menschen, die sich mit Neem beispielsweise vor Zecken schützen können. Die Einsatzmöglichkeiten sind also breit gefächert und sollen jetzt näher aufgezeigt werden.

Neemöl in Garten und Landwirtschaft

Studien zeigen, dass Neemöl auch hartnäckige Insekten vertreiben kann. Beispielsweise wurde festgestellt, dass sich das Öl positiv auf einen Befall mit Gyropsylla spegazziniana, einer Schädlingsplage in den Teeplantagen Paraguays, auswirkt. (2)
Ob Blattläuse, Spinnmilben oder Buchsbaumzünsler: Eine einfache Spritzlösung mit Neemöl ist schnell hergestellt und wirkungsvoll. Benötigt werden neben dem Öl auch ein Emulgator und zuletzt einfach nur noch Wasser. Alles gut vermischt und aufgesprüht, verhindert es die Zerstörung der Blätter, Blüten und nicht zuletzt der Ernte durch die Schädlinge. Und was wichtig ist: Nützliche Insekten wie Bienen werden hierdurch nicht geschädigt, wie Untersuchungen zeigen. Trotzdem gibt es für die Verwendung von Neemöl als natürliches Insektizid und Pflanzenschutzmittel in der Landwirtschaft hier bisher noch keine Zulassung.

Tipp: Neemöl-Spray für den Hobbygärtner
Wer Neemöl im eigenen Garten einsetzen möchte, nimmt für einen Liter Lösung 5ml Neemöl, 1 ml Emulgator (z. B. Rimulgan), mischt beides gut miteinander, und füllt die Mischung in einer Pumpsprayflasche mit 1 Liter Wasser auf. Kräftig durchschütteln und täglich 1-2 Mal auf die betroffenen Pflanzenteile sprühen.

Neemöl im Tierreich

Neemöl schützt nicht nur Pflanzen vor beißenden und saugenden Schädlingen. Auch Hund und Pferd sind oft von Parasiten, Flöhen, Läusen, Zecken oder Milben befallen. Da ätherische Öle aber bei Tieren nur eingeschränkt eingesetzt werden können und Neemöl zudem einen recht eindringlichen Geruch hat, empfiehlt sich in diesem Fall die Verwendung von Neem-Shampoo. Dafür kann normales Tiershampoo mit einigen Tropfen Neemöl – und für den besseren Duft eventuell noch anderer ätherischer Öle – versetzt werden. Am besten sollte das Shampoo einige Minuten einwirken. Neben der Schädlingsbekämpfung hat das im Shampoo verwendete Neemöl noch den Vorteil, dass Hautjucken und stumpfes Fell gleich mit behandelt werden. Aber Vorsicht: Hund und Pferd vertragen Neemöl äußerlich gut, sollten es aber nicht innerlich aufnehmen. Für Katzen ist Neem sogar toxisch, also giftig! Es fehlt ihnen ein Enzym, das für die Verstoffwechselung nötig ist. Deshalb sollten Katzen generell nicht mit Neem in Kontakt kommen. Hat ein Haustier Neem innerlich aufgenommen, sollte der Tierarzt aufgesucht werden.

Neemöl für den Menschen

Was Pflanze und Tier recht ist, ist dem Menschen billig: Das zeigt die lange Heiltradition mit Neem. Und in der Tat gibt es eine Reihe von Einsatzgebieten von Neemöl auch für den Menschen. Dabei sollte man allerdings Vorsicht walten lassen. Es kommt auf die richtige Dosierung an, um die toxischen Wirkungen des Öls zu umgehen.

Neemöl von außen

Bekannt ist die pflegende und schützende Wirkung von Neemöl auf die Haut. Sogar Hautprobleme wie Akne, Neurodermitis oder starke Hauttrockenheit und Jucken sprechen gut auf eine Behandlung mit Neemöl an. Das Öl legt einen Schutzfilm über die Haut und verhindert damit kleine Verletzungen und wirkt wundheilend, desinfiziert und pflegt, verbessert die Hautstruktur und bindet Feuchtigkeit. Auch hier kann ein Duschgel eingesetzt werden, wahlweise ein Wannenbad mit einigen Tropfen des Öls. Es soll unter anderem auch Pilzerkrankungen vorbeugen und rheumatische Beschwerden lindern.

Haare werden mit einem Neem-Shampoo kräftiger, glänzender und geschmeidiger. Schuppen und juckende Kopfhaut werden bekämpft.
In der Handpflege gilt Neemöl als wirkungsvoll für Nägel und Nagelhaut. Auch zu hochwertigem Massageöl können einige Tropfen hinzugefügt werden, um die Haut zu pflegen und zu stärken. Pur sollte es nur punktuell verwendet werden, etwa zum Betupfen von Lippenherpes oder einzelnen Pickeln.

Achtung: Neemöl wirkt stark reizend. Deshalb darf es nicht auf Schleimhäute oder ins Auge gelangen. Bei Augenkontakt sofort mit reichlich Wasser ausspülen!

Neemöl von innen?

Die vielfältigen – auch innerlichen – Einsatzgebiete von Neem in der Heilkunst beruhen auf langer Erfahrung um die Wirkungen und Herstellungsverfahren der verschiedenen Teile des Neembaums. In seinen Heimatregionen werden auch bestimmte Pflanzenteile von Neem verzehrt.

In Europa wird Neemöl wegen der fehlenden Kenntnisse ausschließlich zur äußerlichen Verwendung verkauft. Denn es wirkt, vor allem unverdünnt, sehr stark und kann entsprechend starke Nebenwirkungen hervorrufen. Es gibt ayurvedische Rezepte, in denen verschiedene Teile des Neembaums verwendet werden, etwa als Tee.

Das Öl kann aber in entsprechender Verdünnung zum Inhalieren genommen werden. Eine Dampfinhalation aus wenigen Tropfen Öl soll gegen Asthma, Husten, Erkältung sowie Hauterkrankungen (beispielsweise Neurodermitis) helfen. Dabei wird das Öl zwar nicht über den Magen-Darm-Trakt aufgenommen, es kann seine Wirkung aber innerlich über die Atemwege entfalten. Auch Neemöl-Zahnpasta ist erhältlich, sie kommt in kleinen Mengen ebenfalls innerlich zur Wirkung und hat Studien zufolge positive Wirkungen im Rahmen einer guten Mundhygiene. (3)

Gewinnung und Qualität von Neemöl

Neemöl ist nicht gleich Neemöl. Die Herstellung kann auf zwei verschiedene Arten erfolgen. Zunächst werden die vom Baum gefallenen Früchte gesammelt und der Kern von Fruchtfleisch getrennt. Dann wird der Kern für die Weiterverarbeitung aufgebrochen. Die hochwertistge Methode ist die Kaltpressung. Das so gewonnene Öl hat eine schöne hellgelbe Farbe und einen leicht bitteren Geruch. Eine Variante ist das Einweichen der Kerne in Wasser, bis ein öliger Extrakt entsteht und das Öl „abgeschöpft“ werden kann. Beide Verfahren sind zeitintensiv und aufwendig. Neemöl ist bei Temperaturen unter 21 °C fast wachsähnlich fest,
Alternativ kann das Öl durch Zugabe chemischer Substanzen (Kohlenwasserstoff Hexan) extrahiert werden. Das Hexan muss allerdings anschließend durch Lösungsmittel wieder entfernt werden. Das Neemöl wird also zweifach chemisch verunreinigt. Zum Einsatz bei Hund, Pferd und Mensch sollte dieses Öl nicht verwendet werden.

Beim Kauf von Neemöl sollte außerdem stets auf ein hochwertiges Ausgangsprodukt und eine einwandfreie Verarbeitung geachtet werden. Möglich sind Verunreinigungen mit Aflatoxinen, die als hochgefährliche mikrobiologische Gifte zählen und in Form von Pilzbefall der Neem-Kerne das Öl vergiften. (4)

Bio-Neemöl wird labortechnisch auf seine Reinheit untersucht, meist in schützenden dunklen Flaschen verkauft und trägt ein Haltbarkeitsdatum. Kaltgepresstes Bio-Neemöl ist also das Produkt der Wahl beim Einsatz zur Fellpflege oder auf der menschlichen Haut.

Kaufen und Lagern von Neemöl

Man kann Neemöl, das übrigens auch unter der Bezeichnung Margosa-Öl bekannt ist, in der Apotheke, in Drogerien, im Onlinehandel und auch im Baumarkt kaufen, und zwar in Gebinden zwischen 100 ml und 5 Litern. Damit die Wirkstoffe erhalten bleiben, sollte nie mehr als maximal eine Jahresverbrauchsmenge auf Vorrat gekauft werden. Wegen der geringen Dosierung, die benötigt wird, reichen kleine Gebinde meist aus. Neemöl sollte stets kühl und dunkel gelagert werden.

Welche Nebenwirkungen kann Neemöl haben?

Bei äußerlicher Anwendung und bei genauer Beachtung der Hinweise zur richtigen Dosierung sind keine Nebenwirkungen zu erwarten. Wegen der Intensität von ätherischen Ölen sollte aber zunächst die geringste empfohlene Dosierung gewählt und auf eventuelle Unverträglichkeitsreaktionen auf das Naturprodukt geachtet werden. Die flächige Anwendung muss immer verdünnt erfolgen. Kinder unter vier Jahren sind von der Anwendung ausgenommen. Auch Schwangere sowie Paare, die eine Schwangerschaft planen, sollten generell kein Neemöl anwenden, da dem Öl – gestützt durch eine indische Studie – empfängnisverhütende Wirkungen nachgesagt werden bzw. möglicherweise eine Frühgeburt auslösen könnte. (5) Wegen der immunstimulierenden Wirkung ist auch bei bestehenden Autoimmunerkrankungen Vorsicht geboten, da Symptome sich verschlimmern könnten.
Bei innerlicher Anwendung kann es zu Übelkeit und Unwohlsein kommen. Hinsichtlich medizinischer Anwendung unter ärztlicher Aufsicht haben Studien allerdings auch gezeigt, dass die kurzzeitige Aufnahme von Neemöl in geringer Dosierung vermutlich sicher ist.

Fazit
Neemöl ist ein wirksames natürliches Mittel zur Schädlingsbekämpfung bei Pflanze, Tier (ausgenommen Katzen) und Mensch. Für Tiere und Menschen sollte ein hochwertiges, kaltgepresstes Bio-Neemöl eingesetzt werden, um Verunreinigungen auszuschließen. Die Kosmetikindustrie verwendet Neemöl für Zahnpasta, Shampoo, Seife, Duschgel und Cremes. Neemöl wird überwiegend äußerlich angewendet, zur innerlichen Verwendung ist es in Deutschland nicht zugelassen. In den Heimatländern des Neembaums gilt Neem praktisch als Allheilmittel.

Quellen
(1) Krüzselyi D., et al.: Rapid, Bioassay-Guided Process for the Detection and Identification of Antibacterial Neem OilCompounds. 2016
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26951543
(2) Formentini, MA et al.: Insecticidal activity of neem oil against Gyropsylla spegazziniana (Hemiptera: Psyllidae) nymphs on Paraguay tea seedlings. 2016
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27143053
(3) Abhishek, KN et al.: Effect of Neem containing Toothpaste on Plaque and Gingivitis–A Randomized Double Blind Clinical Trial. 2015
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26718296
(4) http://orgprints.org/1988/1/kleeberg-h-2001-niem-herstellung-standard.pdf
(5) Garg, S. et al.: Immunocontraceptive activity guided fractionation and characterization of active constituents of neem (Azadirachta indica) seed extracts. 1998
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/9613837

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