Weissdorn – Heilpflanze des Jahres 1990

Die Heilpflanze des Jahres 1990, der Weißdorn, zählt zu den anerkannten Arzneimitteln bei Herzproblemen. Weißdorn wird von den maßgeblichen Organisationen wie der WHO (World Health Organisation) oder der Kommission E/ESCOP beim BfArM (Bundesinstitut für Arzneimittelforschung und Medizinprodukte) als Heilmittel empfohlen. Von der Kommission E erhielten Weißdornblätter mit Blüten (Crataegi folium cum flore) nach eingehender wissenschaftlicher Prüfung eine Positiv-Monographie. (1) Außerdem steht die traditionelle Heilpflanze im Deutschen und im Europäischen Arzneibuch (DAB und PhEur). Grund genug, sich diese Pflanze einmal näher anzusehen.

Weissdorn – Eine Heilpflanze stellt sich vor

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Weißdorn, ein bis zu acht Meter hoher buschartiger Baum, gehört zu den Rosengewächsen und trägt den botanischen Namen Crataegus. Verbreitet sind vor allem die Varietäten monogyna (eingriffeliger Weißdorn) und laevigata (zweigriffeliger Weißdorn).

Weltweit sind mehrere hundert Arten sowohl wildwachsend als auch kultiviert anzutreffen, und da die Pflanze sich gerne untereinander kreuzt, gibt es eine fast unüberschaubare Vielzahl an Hybriden (Mischformen). Wegen seiner etwa zwei Zentimeter langen Dornen, die ihm einen Teil seines Namens geben, wurde Weißdorn schon immer gerne als Hecke und Schutz gegen Eindringlinge angepflanzt. Den ersten Namensteil geben ihm seine weißen Blüten, die ihn von Mai bis Juni schmücken. Daraus entstehen bis in den September hinein glänzend rote Früchte.

Weißdorn ist bereits an seinem Geruch zu erkennen: Die ganze Pflanze riecht leicht nach Bittermandel, und die Blüten sollen – laut Deutschem Arzneimittelbuch – gar nach Mäuseurin stinken. Wohl ein zusätzliches Argument für die Verwendung von Weißdorn als Schutz gegen ungebetene Gäste. Insekten lieben allerdings diese für menschliche Nasen etwas eigentümliche Duftmischung. In der Blütezeit ist der Busch Bienenweide und Anlaufstelle für verschiedene Insekten, die Früchte sind später beliebtes Fressen für zahlreiche Vogelarten.

Mythos und Geschichte

Weißdorn wurde in der Geschichte oft mit Unglück und Tod, aber auch mit Geisterabwehr, Schutz vor Hexen und Dämonen, sowie mit Fruchtbarkeit und Keuschheit in Verbindung gebracht. Verschiedene Mythen und Rituale ranken sich um den Weißdornbusch. Die keltische Sagenwelt zählt ihn zu den „heiligen drei Bäumen“. Zur Heilpflanze wurde Crataegus bereits vor vielen Jahrhunderten. Schon im 1. Jahrhundert nach Christus erwähnte Dioscurides, griechischer Arzt und Pharmakologe, ihn als Heilmittel. Lange schlummerte das Heilwissen um den Weißdorn, bis im 14. und 15. Jahrhundert verschiedene Autoren seine heilsame Wirkung in Kräuterbüchern dokumentierten. Bei Paracelsus kam Wein mit Weißdorn versetzt bei Herzproblemen zur Anwendung. Erst im 19. Jahrhundert wurde er dann wissenschaftlich untersucht und die positiven Erkenntnisse veröffentlicht. Eine Abhandlung, in der auch die ersten Ergebnisse aus 1896 einfließen, erschien 1916 in den USA. (2)

Die Inhalts- und Wirkstoffe von Weißdorn

Zwar gibt es viele verschiedene Arten des Weißdorns, aber die Inhalts- und Wirkstoffe sind mehr oder weniger identisch. Welche Varietät jeweils verwendet wird, hängt also jeweils von der regionalen Verfügbarkeit ab. Die europäische Pflanzentherapie bedient sich überwiegend der Arten Crataegus monogyna, laevigata, azarolus und pentagyna. Die hier zu Arzneimitteln verarbeiteten Pflanzenteile stammen überwiegend aus Süd- und Osteuropa. In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) kommen die Arten Crataegus cuneata und pinnatifolia zur Anwendung. Und das sind die medizinisch relevanten Inhaltsstoffe, die allen Arten gemeinsam sind:

  • oligomere Procianidine (OPC)
  • Flavonoide
  • Phenolsäuren
  • Glykoside
  • Saponine
  • ätherische Öle
  • Gerbstoffe
  • Mineralstoffe und Vitamine

Oligomere Procianidine, kurz OPC, ist eine Gruppe von Stoffen, die auch den Flavonoiden zuzurechnen sind, aber eine besondere Erwähnung finden müssen. OPC gelten als besonders effektive Radikalfänger. Sie besitzen eine hohe Bioverfügbarkeit, werden also im menschlichen Organismus besonders schnell und gut verwertet. Vor allem im Zusammenspiel mit Vitamin C, das in den Früchten des Weißdorns enthalten ist, können sie ihre Wirkung entfalten und die des Vitamin C noch verstärken. Untersuchungen bestätigen ihren positiven Einfluss auf die Herzgesundheit. (3) OPC sind in besonderer Konzentration auch in Traubenkernextrakt enthalten.

Flavonoide gehören zu den Polyphenolen und liefern die Farb- und Geschmacksstoffe der Pflanze. Sie gelten als entzündungshemmend, antioxidativ, antibakteriell, antiviral, antifungal und antikanzerogen. Sie wirken also gegen viele Gesundheitsprobleme. Mit ihrer antoxidativen Wirkung stellen sie auch einen optimalen Zellschutz dar.
OPC und die anderen Flavonoide können im Körper mit bestimmten Enzymen und Rezeptoren (Andockstellen für Botenstoffe) Verbindungen und Wechselwirkungen eingehen. Daraus wird ihre hohe Gesundheitswirkung abgeleitet. Hinzu kommen die weiteren Inhaltsstoffe des Weißdorns, wodurch ein Synergieeffekt entsteht, also das gegenseitige Unterstützen und Verstärken der Wirkungen.

Welche Pflanzenteile werden verwendet?

Die medizinisch wirksamen Teile der Heilpflanze sind die Blätter, Blüten und Früchte. Am häufigsten wird eine Mischung aus Blättern und Blüten (Crataegi folium cum flore) eingesetzt. Sie bieten die meisten Variationsmöglichkeiten in der Verabreichung, ihre Wirkung ist am besten erforscht. Die Früchte des Weißdorns (Crataegi fructus) werden traditionell bei ähnlichen Beschwerden wie die Blätter und Blüten eingesetzt, sie sind aber bisher nicht in hinreichendem Maß wissenschaftlich erforscht. Daher gibt es hierzu bisher keine Positiv-Monographie. Da sich die Inhaltsstoffe der Früchte aber kaum von denen der Blätter- und Blüten-Mischung unterscheiden, kann laut Kommission E eine ähnliche Wirkung angenommen werden.

Weißdorn als Arzneimittel – die medizinische Anwendung

Da Weißdorn schon seit vielen Jahrhunderten als traditionelle Heilpflanze genutzt wird, haben sich verschiedene Anwendungen aus der Erfahrungsmedizin ergeben, die aber bislang nicht durch entsprechende Studien belegt werden konnten. Daher gibt es zurzeit nur ein einziges anerkanntes Anwendungsgebiet.

Anerkannte Anwendung

Als wissenschaftlich bestätigt gilt die Wirkung von Weißdorn bei Herzinsuffizienz in den Stadien I und II nach Definition der NYHA (New York Heart Association). (4) Diese Herzschwäche ist gekennzeichnet durch eine verringerte Pumpleistung des Herzmuskels bereits bei alltäglicher Belastung. Symptome können Erschöpfung, Atemnot z. B. nach Treppensteigen oder Herzrhythmusstörungen sein. Schätzungen der Deutschen Herzstiftung zufolge leiden etwa 1,8 Millionen Deutsche an einer solchen Herzschwäche. (5)

Traditionelle Anwendung

Traditionell wird Weißdorn bei funktionellen Herzbeschwerden ohne organische Ursache, beim so genannten „Altersherz“, zur Regeneration nach Herzinfarkt, bei Herzinsuffizienz des Stadiums III NYHA, zur allgemeinen Kräftigung des Herz-Kreislauf-Systems, bei Begleitsymptomen von Herzerkrankungen (Leistungsschwäche, Müdigkeit, Abgeschlagenheit) sowie zur Vorbeugung der Arteriosklerose eingesetzt. Je nach Krankheitsbild wird Weißdorn therapiebegleitend zu herkömmlicher Medikation verabreicht. Die Wirksamkeit in diesen Anwendungsgebieten fußt in der ärztlichen Erfahrungsmedizin, der Volksheilkunde und der Überlieferung.

Anwendung mit nicht gesicherter Wirkung

Als nicht gesichert gilt der Einsatz von Weißdornpräparaten bei hohem und niedrigem Blutdruck, hochdruckbedingtem Ohrensausen, bei Herzneurosen, bei Makuladegeneration, Verdauungsbeschwerden, Schlafproblemen oder in der Frauenheilkunde (z. B. gegen Nachtschweiß während der Wechseljahre).
„Nicht gesichert“ besagt allerdings lediglich, dass hierzu bislang keine belastbaren Studienergebnisse vorliegen. Eine regulierende Wirkung auf den Blutdruck wird beispielsweise trotzdem oft erwähnt.

Wie wirken die Inhaltsstoffe des Weißdorns aufs Herz?

Weißdorn wirkt positiv aufs Herz, indem es die Herzkranzgefäße erweitert und somit die Durchblutung fördert. Gleichzeitig wird damit auch die Sauerstoffversorgung verbessert. Freie Radikale werden abgefangen und die Widerstandkraft des Herzmuskels erhöht sich. Der leicht beruhigende Effekt der Heilpflanze trägt dazu bei, dass nervöse Unruhe und Rhythmusstörungen gebessert werden. Insgesamt spricht man von einer „positiv inotropen Wirkung“. Das bedeutet, dass die Kraft des Herzmuskels gestärkt wird (inotrop = die Kontraktionskraft des Herzens beeinflussend). Die Leistungsfähigkeit und die Lebensqualität des Betroffenen nehmen zu.

Darreichungsformen und Dosierung

Weißdorn ist in verschiedenen Darreichungsformen erhältlich, die je nach Zubereitung auch unterschiedlich starke Wirkungen haben. Im Einzelnen:

Darreichungsformen

Die schwächste Wirkung hat ein Tee aus Weißdornblüten und -blättern. Weissdornsaft, also ein Presssaft aus Frischpflanzen, ist wirksamer. Ebenfalls Tropfen oder eine Tinktur, die meist als alkoholisch-wässrige Lösungen angeboten werden. Hochdosierte Trockenextrakte (Kapseln, Dragees) gelten als die wirksamste Variante.
Auf dem Markt sind inzwischen auch verschiedene Kombinationspräparate zur Herzstärkung, in denen Weißdorn mit weiteren herzgesunden Heilpflanzen kombiniert wird. Einen köstlichen Herztee kann man sich auch selbst zusammen stellen bzw. vom Apotheker mischen lassen:

Tipp: Herztee-Mischung
50 g Weißdornblüten und –blätter, 30 g Herzgespann und 20 g Zitronenverbene (arzneilich wirksame Komponenten) mit je 10 g Ingwerstückchen und Zimtblüten (Geschmackskorrigens) und 2 g Kornblumenblüten (Schmuckdroge) mischen. Ein bis zwei Teelöffel auf 150 ml kochendes Wasser geben, 10 Minuten ziehen lassen. Der Tee kann regelmäßig als wohlschmeckender Haustee mit herzstärkender Wirkung getrunken werden.

Dosierung

Vom Tee aus Blättern und Blüten des Weißdorns können nach einer Ziehzeit von zehn Minuten und mit Honig gesüßt ein bis drei Tassen täglich getrunken werden. Eine Pause in der Anwendung – wie bei anderen Heilpflanzen – ist nicht nötig, Weißdorn kann dauerhaft verwendet werden. Das gilt auch für Tee aus den Früchten.
Für den Weissdornsaft werden 30 ml am Tag, verteilt auf zwei bis drei Einzeldosen, empfohlen. Der Saft kann in Wasser oder Kräutertee eine Viertelstunde vor der Mahlzeit getrunken werden und sollte kurmäßig zwölf Wochen eingesetzt werden.

Die Tinktur aus Weißdorn (Crataegus-Tinktur) wird ein bis dreimal täglich nach Packungsanweisung, in der Regel 10-15 Tropfen, mit Wasser verdünnt eingenommen.
Für die Kapseln oder Dragees liegt die aktuelle Dosierungsempfehlung bei 600-900 Milligramm täglich bei einem definierten Gehalt an Flavonoiden von 4-20 Milligramm oder am OPC von 30-160 Milligramm. Kapseln und Dragees enthalten standardisierte Wirkstoffmengen, garantieren die stets gleiche Dosis und sind einfach einzunehmen.

Wichtig zu wissen:
Wer sein Herz mit Weißdornpräparaten stärken will, muss Geduld haben: Erst nach mehrwöchiger und regelmäßiger Anwendung tritt eine spürbare Wirkung ein (frühestens nach sechs Wochen).

Weißdorn in der Küche

Was viele nicht wissen: Weißdorn kann auch als gesundes Lebensmittel verwendet werden. Die dunkelroten Früchte, die im August und September erntereif sind, haben einen hohen Pektin- und Vitamin C-Gehalt und können zusammen mit anderen Früchten (Äpfeln, Quitten, Holunderbeeren) zu Gelee und Marmelade verkocht werden. Sie schmecken mehlig-süß und gelieren sehr gut. Beerenmus kann auch als Zusatz zu Müsli, Joghurt oder Backwaren verwendet werden. Ein köstlicher Früchtetee lässt sich aus folgenden getrockneten Beeren zaubern: Weißdorn, Hagebutte, Holunder und Heidelbeere zu gleichen Teilen mischen und einige Mandelblättchen zufügen. Steckt voller immunstärkender Wirkstoffe und ist ein toller Wintertee. Die Blütenknospen können roh in den Salat wandern oder gemeinsam mit jungen Blättern als Gemüse dünsten.

Nebenwirkung, Wechselwirkung und Gegenanzeige – womit ist zu rechnen?

Die bestimmungsgemäße Einnahme von Weißdornpräparaten gilt allgemein als sicher. In seltenen Fällen wurden als mögliche Nebenwirkung zu Beginn der Therapie leichter Schwindel, Kopfschmerzen oder Magenbeschwerden beobachtet. Wechselwirkungen sind bislang nicht bekannt, die zusätzliche Einnahme mit anderen Medikamenten sollte trotzdem immer mit dem Arzt oder Apotheker besprochen werden. Für Schwangere, Stillende und Kinder gilt die Empfehlung, keinen Weißdorn einzunehmen, weil bisher keine aussagekräftigen Daten zur Wirkung verfügbar sind. Personen mit einer Allergie gegen Rosengewächse sollten auf Weißdornpräparate verzichten.

Fazit:

Weißdorn ist ein Therapeutikum, das bei Herzproblemen therapiebegleitend, also zusätzlich (man spricht auch von „adjuvant“), eingesetzt wird. Es kann dazu beitragen, dass chemische Medikamente niedriger dosiert werden können. Weißdorn gilt als so genanntes NHP (Natural Health Product), also als „natürliches Gesundheitsprodukt“. (6). Nach Rücksprache mit dem Arzt können Weißdornpräparate präventiv das so genannte „Altersherz“ schützen und bei leichten Herzbeschwerden als alleiniges Heilmittel Besserung herbeiführen. Weißdorn kann aber keinesfalls ärztlich verordnete Herzmittel ersetzen!

Quellen:
(1) Monographie BGA/BfArM (Kommission E), Erscheinungsdatum Bundesanzeiger: 19.7.1994., Heftnummer: 133., ATC-Code: C01EF.
(2) A Treatise on Crataegus. 1916
https://www.herbalstudies.net/_media/resources/library/Crataegus_doc.pdf
(3) Mullen, W. et al.: A Pilot Study on the Effect of Short-Term Consumption of a Polyphenol Rich Drink on Biomarkers of Coronary Artery Disease Defined by Urinary Proteomics. 2011
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22070129
(4) http://www.heart.org/HEARTORG/Conditions/HeartFailure/AboutHeartFailure/Classes-of-Heart-Failure_UCM_306328_Article.jsp#.WV4iWhXyiM8
(5) http://www.herzstiftung.de/herzinsuffizienz.html
(6) Wang, J. et al.: Effect of Crataegus Usage in Cardiovascular Disease Prevention: An Evidence-Based Approach. 2013
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3891531/

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